Neue Chancen für die Lust.

Macht Sex im Internet unsere Erotik kaputt ? 
Drei Fragen, drei Antworten.

erschienen in online-today Nr. 01/2000, S.136

 

 

 »Porno-Web«, »Digitaler Straßenstrich« - Vorwürfe gibt`s reichlich. Wie verdorben ist das Internet wirklich? 
Forscherin Christiane Eichenberg nimmt Stellung zu Thesen und Vorurteilen

 

Wird die Datenautobahn zum digitalen Straßenstrich?

Die Sorge, erotische Kontakte im Netz könnten die Realität ersetzen, zeugt von einseitiger Sichtweise. »Der Computer ist ein unmenschlicher Partner, der auf heimliche Weise befriedigender ist als die Beziehung zum Sexualpartner!« - »Die Datenautobahn wird zum digitalen Straßenstrich!« - »Net-Sex degeneriert uns zu einer reinen Masturbationsgesellschaft!« Hinter solchen Behauptungen verbirgt sich überspitzter Kulturpessimismus. Weder Technik-Euphorie noch die Dramatisierung der sozialen Folgen von Sexual-Kommunikation im Internet sind angemessen. Man sollte die Grenzen und die Chancen sehen: Wegen der physischen Ferne kann im Netz zwischen Menschen eine besondere gedankliche Nähe entstehen. Sie ermöglicht es, gefahrlos mit neuen sozialen Rollen zu experimentieren und die eigene Identität fantasievoll zu gestalten. Wem im wirklichen Leben der Mut fehlt, sich zu "outen", der findet Gleichgesinnte und kann über den sexualbezogenen Erfahrungsaustausch hinaus Beziehungen eingehen. Die leibliche Abwesenheit des anderen macht zudem die Angst vor körperlichem Versagen, ansteckenden Krankheiten, ungewollter Schwangerschaft oder sexuellen Übergriffen überflüssig.

Immer wieder gern gezeigte futuristische Szenen, in denen Sexualpartner Datenanzüge tragen und sich gegenseitig via Mausklick stimulieren, sind vom Alltag heutiger Datennetze sowieso weit entfernt. Sexuelle Kontakte sind im Web bislang rein textbasiert - wie im Multi-User-Spiel. Außerdem zeigen Forschungsergebnisse*, dass Testpersonen solche Cybersex-Experimente keineswegs befriedigend empfinden.

 

Sind Surfer versessen auf die Sex-Angebote im Internet?

Die landläufige Meinung, es gebe ein überstarkes Interesse der User an erotisch-pornografischen Angeboten, ist zu relativieren. Wissenschaftliche Untersuchungen fanden bisher keine Hinweise auf eine weitverbreitete Sucht nach Cyber-Pornografie oder nicht jugendfreien Chaträumen. Für das, was die US-Psychologin Kimberley Young » Cybersexual Addiction « nennt und worüber viel geredet wird, gibt es keine Beweise.

 

Gibt es im Internet besonders viele Pornografie-Angebote?

Natürlich besteht an erotischen Netzinhalten Interesse. Doch die Anzahl entsprechender Sites liegt weit hinter der anderer Themen zurück (Nachrichten, TV-Programme oder Aktienkurse). Die Heidelberger Netzexpertin Dr. Nicola Döring  hat bewiesen, dass dies auch auf Newsgroups zutrifft: Nur 400 von etwa 16 000 international bedeutsamen Diskussionsgruppen behandeln sexbezogene Themen.

 

Fazit:

Natürlich findet Net-Sex statt, aber längst nicht im oft behaupteten Ausmaß. Und: Die Digital-Erotik wird die reale intime Berührung niemals ersetzen können. Kritiker dürfen sich entspannen.

 

@ CHRISTIANE EICHENBERG

 

 

* Ulthoff, A., "Das ewig gleiche aufgepeppt?" in Pro Familia Magazin, 1/95. Trausich, D., "Per Mausklick zum Orgasmus?" in: Bollmann, Kursbuch Neue Medien (1995)