Anonym die Seele heilen
Depressionen, Selbstmordgedanken, Todessehnsucht waren ihre ständigen Begleiter 19 Jahre lang. Darüber sprechen konnte sie nur mit ihrem Therapeuten oder mit Menschen, die ihr sehr nahe standen. Bis sie sich im Internet umsah: Dort fand Katrin die englischsprachige Newsgroup alt.suicide.holiday, wo suizidgefährdete Menschen ihre Gedanken und Gefühle austauschen. Eine Online-Gemeinschaft, in der sich Katrin wohl und aufgehoben fühlte obwohl der Austausch, wie Katrin ihn beschreibt, Außenstehenden makaber vorkommen mag: In der Newsgroup, sagt sie, wurde Anteil am Leben der Teilnehmer genommen und getrauert, wenn einer aus der Gruppe für immer ging. Groß war die Sorge, wenn sich jemand ohne Begründung einige Zeit nicht meldete. Es gab große Betroffenheit, wenn sich einer umbrachte und manchmal auch ein bisschen Neid, dass er oder sie den Mut dazu hatte.
Dass die anonymen Net-Kontakte unpersönlicher wären, kann Katrin nicht finden, im Gegenteil: Das waren aufrichtigere und ehrlichere Beziehungen, als ich sie sonst vielfach erlebt hatte. Gerade der Umstand, dass man mit seinen Gesprächspartnern nicht unmittelbar persönlich konfrontiert war, erscheint ihr befreiend: Ich kann selbst entscheiden, wie viel Kontakt ich will. Ich kann selbst bestimmen, wann ich neue Mails herunterlade und wann ich sie lese.
Genau darin, so glaubt die Psychologin Christiane Eichenberg aus Koblenz, liegt die revolutionäre Chance, die das Internet Menschen mit psychischen Problemen bietet: Der erste Kontakt ist sehr niederschwellig. Man muss sich niemandem persönlich offenbaren und nicht einmal seine Wohnung verlassen, wenn man über seine Schwierigkeiten sprechen will. Christiane Eichenberg hat sich auf das Web und seine therapeutischen Möglichkeiten spezialisiert: Seit Jahren beobachtet sie Homepages, Newsgroups, Mailing-Lists, Chatrooms und Foren zum Thema Psychiatrie und Psychotherapie.
Die Zahl der Angebote, so weiß sie zu berichten, sei in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. Neben etlichen englischsprachigen Selbsthilfe-Foren wie alt.support.depression und alt.support.chronic-pain gibt es mittlerweile auch deutschsprachige wie die Mailingliste Angst-L, in der rund 100 Menschen mit Angstzuständen und Phobien zueinander Kontakt halten. Zwangsneurosen, Drogenprobleme, Folgen sexuellen Missbrauchs kaum eine psychische Störung, deren Betroffene sich nicht in virtuellen Gemeinschaften zusammengefunden hätten. Einen Überblick und Einstieg mit zahlreichen Links bietet das Kuckucksnest, ursprünglich eine private Web-Site, inzwischen ein Selbsthilfe-Netzwerk für Therapie- und Psychiatrieerfahrene. Manche psychisch Kranken, die anderen ihre Erfahrungen mitteilen möchten, tun dies sogar auf einer eigenen Homepage, wie das 16-jährige Psycho-Kid Fabian oder die selbstmordgefährdete Katrin.
Schwierig wird es, wenn dem bloßen Erfahrungsaustausch wirkliche Veränderungen und Fortschritte folgen sollen. Therapie per Internet funktioniert das? Ja, ich nehme zur Kenntnis, dass psychologische Beratungen via Internet die Konsultation eines zugelassenen psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten nicht ersetzen können. Ich bin mir bewusst und akzeptiere, dass hier bezogene Informationen möglicherweise unvollständig sind und/oder von mir auch falsch verstanden werden können. Diese Erklärung muss jeder per Mausklick bestätigen, der den Schweizer Psychologen Piero Rossi mit einer E-Mail um Rat fragt. Tut er dies, kann er dem Online-Berater eine erste Nachricht zukommen lassen. Dann meldet sich Rossi per Mail wer danach eine reguläre Beratung wünscht, muss via Kreditkarte eine Gebühr entrichten, ehe er eine ausführliche Stellungnahme zu seinen Problemen zugesandt bekommt. Ob solche Online-Therapien Erfolg versprechen dazu will der Psychologe noch keine Stellungnahme abgeben: Rossi ist derzeit damit beschäftigt, seine im Jahr 1997 aufgenommene Tätigkeit im Netz gründlich auszuwerten, und hüllt sich in Schweigen, bis handfeste Ergebnisse vorliegen.
Eines glaubt die Psycho-Netzexpertin Christiane Eichenberg sicher sagen zu können: Leben kann davon keiner. Rossi wie seine deutschen Kollegen Klaus Mayer und Corinna Bethge oder der amerikanische Psycho-Doktor Leonhard Holmes er wollte auf seiner Homepage zunächst nur für seine Praxis werben und konnte sich anschließend vor Mail-Anfragen kaum noch retten sie alle betreiben ihren virtuellen Kummerkasten als nebenberufliche Tätigkeit.
Ob es künftig hauptberufliche Netz-Psychotherapeuten geben wird, ist fraglich. Volker Schmid, Referatsleiter und Internet-Experte beim Deutschen Psychotherapeutenverband (DPTV), glaubt, dass einer solchen Tätigkeit enge Grenzen gesetzt sind: Sicher, der unverbindliche Kontakt per E-Mail erleichtert es vielen, sich mit einem Therapeuten in Verbindung zu setzen, sagt Schmid, aber wenn es an die Therapie geht, zum Beispiel bei Angstzuständen, da muss man die Patienten häufig mit konkreten Situationen konfrontieren. Da können Sie keinen Blumentopf ernten, wenn Sie am Computer sitzen.
Das Wichtigste, so glaubt Christiane Eichenberg, ist die Qualitätssicherung. Dem Laien fällt es nicht leicht, seriöse psychotherapeutische Beratungsangebote von unterhaltungsorientierten wie Ask Doctor Love zu unterscheiden, die Beziehungs-Beratung auf Bravo-Niveau betreiben. Um kompetente Online-Therapeuten von den oberflächlichen Sorgenonkeln und den unseriösen Abzockern abzugrenzen, wird der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) demnächst Richtlinien erarbeiten, die dem Hilfesuchenden sagen sollen, wo er mit seinen Problemen gut aufgehoben ist. Was immer die Kommission formulieren wird Christiane Eichenberg, die auch am Regelwerk mitarbeiten soll, ist sich sicher: Ein Strohfeuer ist das auf keinen Fall. Das Internet wird die Psychotherapie verändern.
Manfred Braun
SZonNet: Alle Rechte vorbehalten -
Süddeutscher Verlag GmbH, München